Das erste Pflegepraktikum in Omsk

Krankenhaus mit neurologischer Abteilung

Alexander Lastovka (GuK März 2015) startete am 1.April 2016 den ersten Praktikumsaufenthalt eines kbs-Schülers in Russland. Hier Auszüge aus seinem Bericht:

Vom 1. bis 29 April startete für mich das Experiment „Auslandsprojekt Omsk – Einblick in die pflegerische Tätigkeit in Russland.“ Einen Monat lang durfte ich dort im pflegerischen Alltag mitwirken. Als erster Schüler, der den Schritt nach Russland wagte, war ich voller Erwartungen. Was kommt auf mich zu? Welche Aufgaben werde ich leisten müssen? Nach einem sechsstündigen Flug von Deutschland nach Russland wurde ich am Flughafen von einem Mitarbeiter abgeholt und ins Gästehaus gebracht. Ich lebte in einem eigenen Zimmer. Das Bad und die Küche waren separat und teilte ich mir mit anderen Mitarbeitern.

Der Arbeitsort

Ich arbeitete in einem sog. "Patronage Dienst", indem ich Kunden zu Themen wie Körperpflege, Lagerungen von bettlägerigen Patienten und die Anwendung von Hilfsmitteln beraten habe. Unsere Kunden waren pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige. Eine Patronage funktioniert in Russland ähnlich wie ein ambulanter Pflegedienst in Deutschland; der Unterschied liegt darin, dass die Krankenschwestern die Patienten/Kunden nicht versorgen, sondern sie beraten und anleiten sowie qualitative Tipps für die Versorgung und Mobilisation von Zupflegenden geben.

Auch das Verleihen von Hilfsmitteln gehört zur den Aufgaben. Um ein Elektrobett ausleihen zu können, muss man für ca. 1.500 Rubel (ca. 20 Euro) pro Monat einen Leihvertrag abschließen. Das ist klingt zunächst nicht nach viel Geld, doch für einen Rentner oder eine Familie, in der nur der Vater arbeitet, sind 1.500 Rubel sehr viel Geld.

Jeden Mittwoch besuchte ich mit einer Krankenschwester die neurologische Station, um die Patienten über Mobilisation und Übungen im Bett zu beraten. Zusätzlich besuchte ich jeden Freitag mit einer Ordensschwester eine Sozialstation. Dort halten sich obdachlose Patienten auf, die z.B. aus dem Gefängnis entlassen wurden und/oder keine Verwandten haben. All diese Patienten haben im Winter draußen geschlafen und Erfrierungen erlitten haben, z.T. musste eine Amputation ihrer oberen und unteren Extremitäten erfolgen.

Meine Arbeitszeit dauerte immer von 9:00  bis 16:30 Uhr. Ich hatte die Möglichkeit mein erlerntes Wissen zu prüfen, anzuwenden sowie auch Patienten zu beraten. Auch meine praktische Erfahrung hat mir bei meiner Arbeit geholfen. In der letzten Arbeitswoche habe ich an einem Seminar zum Thema „Bettlägerige Patienten versorgen“ teilnehmen dürfen, wofür ich auch ein Zertifikat bekam. In den letzten drei Tagen waren Lehrer aus der KBS vor Ort, die den Pflegekräften einen Kurs zum Thema „Kinästhetik“ erteilten. Dort fungierte ich als Übersetzer, da ich die Landessprache sehr gut beherrsche.

Freizeitgestaltung

Blick in mein eigenes Zimmer.

In meiner Freizeit bin ich oft in die Stadt gegangen, um Omsk besser kennenzulernen. Ich besuchte den Dom (Uspenskij Sobor), Theater, Kino und weitere Orte. Auch eine katholische Kirche habe ich besichtigt, etwa 80 km von Omsk entfernt. Diese Kirche bestand aus einem Altenheim für bis zu 10 Bewohner mit einer Kirche. Im Fitnessstudio, das ich für sportliche Aktivitäten nutzte, waren sehr viele junge Menschen, die ihre Fitness auf gutem Niveau hielten. Es gibt viele Sportklubs, meistens Kampfschulen wie z. B. Boxschulen, Karate Akademien usw.

FAZIT: Das Projekt kann ich wirklich jedem empfehlen, der Interesse hat an einem ganz anderen Umfeld und anderen Lebensstil. Es ist wichtig dass man die russische Sprache gut beherrscht, da die Menschen dort nur sehr wenig deutsch oder englisch sprechen. Die Chance, so eine Erfahrung machen zu dürfen, bekommt man nicht noch einmal.

Für Arbeitgeber ist es ein zusätzlicher Vorteil, das seine Mitarbeiter Erfahrung bekommen, in einer anderen Kultur zu arbeiten, um später in Deutschland auf einer Station mit unterschiedlichen Kulturen besser Konflikten und Missverständnissen vorzubeugen. Auch der Gewinn von Partnerschaften und der Austausch von Erfahrungen, diw gemeinsame Lösung von Problemen sind lohnenswerte Erfahrungen. Omsk ist eine schöne Stadt, sowohl im Sommer als auch im Winter. Die Menschen in Russland sind sehr freundlich und neugierig. Sie wollten wissen wie russischsprachige Menschen in Deutschland leben und ob die deutsche Bevölkerung die Politik der Bundeskanzlerin unterstützt. In russischen Krankenhäusern konnte ich ebenfalls einen Personalmangel beobachten. Ich habe mit einzelnen Mitarbeitern gesprochen und gefragt, wie viele Patienten sie im Durchschnitt versorgen müssten. Daraufhin wurde mir gesagt, dass im Schnitt 30-40 Patienten pro Mitarbeiter versorgt werden müssen, da der Nachwuchs nicht für eine solche geringe Bezahlung arbeiten möchte. 

Pflege-Kooperation Mönchengladbach - Sibirien

Sr. Elisabeth (untere Reihe, 2. von links) mit dem Schulungs-Team von Maike Lenz-Heinrichs (oben, 3. von links) und Barbara Mallon (unten, 4. von rechts)

Die internationale Zusammenarbeit zwischen der Akademie für Gesundheitsberufe | kbs in Mönchengladbach und dem Caritasverband in Novosibirsk/Westsibirien wird intensiviert.

Alles begann 2010: Sr. Elisabeth Jakubowitz vom Orden der Armen Schwestern vom Heiligen Franziskus und Leiterin der Caritas-Hauskrankenpflege in Sibirien, besuchte den Caritasverband in Aachen. Sie berichtete neben vielen beeindruckenden Erlebnissen, von den schlimmen, z. T. unzumutbaren Verhältnissen, unter denen in Omsk Krankenpflege geleistet wird.

Der Ruf nach Hilfe war unüberhörbar!

Dies aktivierte den Geschäftsführer der kbs, Diplom-Pflegewissenschaftler Thomas Kutschke, der ohne zu zögern die Bereitschaft signalisierte diese Herausforderung anzunehmen und Unterstützung vor Ort zu geben. „Damit eröffnete sich für die kbs die Perspektive eigenes Wissen zu vertiefen und im Austausch mit den russischen Kolleginnen für die Aufgabenstellungen neue Lösungswege zu erschließen“, so Kutschke im Gespräch. Gemeinsam mit dem Caritasverband Aachen wurde beschlossen, dass die Akademie für Gesundheitsberufe | kbs mit Schulungen das Pflegepersonal in Sibirien fortbilden sollte. Schwerpunkt dieser Fortbildung stellte das Mobilisierungskonzept Kinaesthetics dar, praxisnah erläutert und fachlich hervorragend präsentiert durch Johanna Thesing, Kinaesthetics Trainerin Stufe 3 und Lehrerin an der kbs. 

Im Herbst 2010 und 2011 fuhren jeweils zwei Vertreter der kbs nach Omsk und leiteten dort sehr erfolgreich Kinaesthetics-Schulungen. Die Nachfrage und das Interesse waren groß und die Teilnehmerinnen nahmen z. T. sehr weite Anfahrtswege in Kauf, um dabei sein zu können. Auch die staatlichen Behörden wurden auf die Unterstützer aus Deutschland aufmerksam, jedoch war es diesen bis dahin nicht gestattet, ein sibirisches Krankenhaus zu besuchen, um auch dort Anregungen für die Pflege zu geben. 

Dies änderte sich 2012, als die Praxisanleiterinnen Frau Lenz-Heinrichs und Frau Mallon, beides erfahrene Praktikerinnen der Kliniken Maria Hilf, mit staatlicher Erlaubnis die Möglichkeit bekamen, gemeinsam mit den Pflegenden in Omsk konkrete Situationen aus dem beruflichen Alltag zu üben. Während ihres Aufenthaltes dort konnte man im städtischen „Krankenhaus Nr. 4“ beobachten, welch positive Wirkung die neu erlernten pflegerischen Handlungen auf die emotionale, psychische und physische Verfassung der Patienten hatte. „Die Professionalität bei der Mobilisierung von Patienten mit komplexen pflegerischen Problemen hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich das anfängliche Interesse und die ungewöhnliche Aufgeschlossenheit der Mitarbeiter/innen der Klinik weiter verstärkt haben“, erläutert Sr. Elisabeth in ihrem Dankesbrief an den Caritasverband für das Bistum Aachen und die Akademie für Gesundheitsberufe. Die positive Zusammenarbeit führte schließlich sogar soweit, dass die Klinik eine Einladung zur weiteren Zusammenarbeit formulierte!

Entstanden ist so eine echte Pflege-Kooperation zwischen Mönchengladbach und Omsk, die es u. a. ermöglicht, dass in Zukunft die Mobilisation von Patienten nach Schlaganfall bereits in der Klinik beginnen kann und zuhause weitergeführt wird. Folgetermine sind schon geplant und dank der personellen und finanziellen Unterstützung durch die Akademie für Gesundheitsberufe | kbs, die Kliniken Maria Hilf und den Caritasverband Aachen kann die Caritas in Sibirien nun einen wichtigen Schritt in Richtung Professionalität und Aufbau eines Schulungs- und Trainingssystems gehen.